Die europäischen Völker und ihr Wertekanon

HPIM1214.JPGAm 30. April veranstaltete der Akademiekreis im Rheinland unter Mitwirkung der europäischen Aktion (siehe Beilage) ein Seminar mit Vorträgen und einer anschließenden Podiumsdiskussion.

Es war dazu auch eingeladen Prof. Dr. Wjatscheslaw Daschitschew, der über „die Schaffung einer friedlichen neuen europäischen Ordnung“ sprechen wollte. Drei Tage vor Seminarbeginn mußte Prof. Daschitschew absagen, da ihm die russischen Behörden seinen Paß einbehalten hatten. Nun, wir kennen ähnliches im Umgang von deutschen Behörden mit Horst Mahler.

Doch die Veranstalter hatten guten Ersatz gefunden. So sprach Dr. Rigolf Hennig über „die Schaffung einer friedlichen neuen europäischen Ordnung“.

Bei dieser Veranstaltung waren Teilnehmer aus Großbritannien und Rußland anwesend sowie auch eine Delegation der Deutschen aus Rußland. Am Nachmittag fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel „Die europäischen Völker und ihr Wertekanon“. Der Historiker, Dr. Olaf Rose, war der Moderator und Mitdiskutant, daneben sprach der Naturwissenschaftler und Vorsitzende der Kolbenheyer-Gesellschaft und Ursula Haverbeck als Vertreterin der Werte des christlichen Abendlandes. Anschließend an die kurzen Einführungen der Mitsprechenden, ergab sich eine lebhafte Erörterung mit den Teilnehmern der Veranstaltung.

Ursula Haverbeck hatte darauf hingewiesen, daß „die Werte“ die in einer Gesellschaft Gültigkeit haben (oder haben sollten), bestimmt worden sind durch das in dem jeweiligen Volk herrschende Menschenbild. Dieses Menschenbild ist religiös bestimmt. Das Menschenbild im Islam oder im Judaismus unterscheidet sich grundlegend vom Menschenbild des Christentums. Da dieses bestimmende Menschenbild aber die Grundlage aller Gesetze und der Verfassungen der Völker ist, wird daran schon die Unvereinbarkeit eines islamisch bestimmten Menschenbildes und Gesetzeskodex mit einem christlich abendländischen Freiheitsideal erkennbar.

Auf der einen Seite – Judaismus und Islam – bestimmen diese Religionen bis in die kleinsten Einzelheiten hinein durch ihre Gesetze das Leben der Gläubigen und des Staates. Auf der anderen Seite haben wir im christlichabendländischen Raum – vornehmlich in Nordeuropa weiterentwickelt – den Gedanken und das Ideal der Freiheit und damit auch die Überwindung dieser Gesetzesreligionen. Auf der einen Seite also einen unerbittlichen Gott, der furchterregende Strafen den vom Glauben Abfallenden, wie auch den Ungläubigen androht, auf der anderen Seite das Gebot der Liebe, das sogar für das Entgegengesetzte – die Evangelien nennen es den Feind – gilt. Luther spricht folgerichtig von der „Freiheit eines Christenmenschen“.

Da wir aber in diesem Land nur noch wenige praktizierende Christen haben, die Kirchen werden immer leerer, ist danach zu suchen, ob es einen für Nicht- oder Antichristen und Christen dennoch gemeinsamen Wert gibt, an dem das gemeinschaftliche Leben orientiert werden kann. Dabei wurde auf Albert Schweitzer verwiesen mit seinem Wort: Ehrfurcht vor dem Leben. Dies bestimmte in den siebziger Jahren sehr stark die Ökologiebewegung.

Doch bereits hundert Jahre zuvor hatte Johann Wolfgang Goethe click here von einer Religion der Ehrfurcht gesprochen. Im Wilhelm Meister wird in der pädagogischen Provinz dargestellt, wie der Mensch sehr viele Fähigkeiten mit auf die Welt bringt, aber Ehrfurcht muß von jedem Kind neu eingeübt werden.

Goethe spricht von einer dreifachen Ehrfurcht: Von Ehrfurcht vor dem, was unter mir ist, von der Ehrfurcht vor dem, was über mir ist und schließlich von der Ehrfurcht vor dem, was neben mir ist. „Unter mir“ ist das, worauf der Mensch steht und sich bewegt, was ihn hervorgebracht hat, die Mutter Erde. „Über mir“ ist das Geistig- Göttliche, oder das höhere Ich, das in Bildung und Ausbildung der Mensch anstrebt und das ihn über das rein triebhafte Leben erhebt. „Neben mir“ befinden sich die Mitmenschen, denen ich mit Ehrfurcht zu begegnen habe, weil nach christlicher Auffassung in jedem Menschen etwas vom Göttlichen in Erscheinung tritt.

Diese Religion der Ehrfurcht hält auch Hans Kern, ein Vertreter der nichtchristlichen, der germanischen Religiosität, für den Kern der deutschen Lebensfrömmigkeit. Es wäre also unter Umständen möglich, das sonst Auseinanderstrebende zu verknüpfen.

————————————————————————————————————————————————–

Hieran schloß sich eine sehr lebhafte Diskussion an, bei der, wie so oft, von antichristlicher Seite auf die schrecklichen Hexenprozesse hingewiesen wurde.

Hierzu muß nachträglich doch noch einmal daran erinnert werden, wer Hexenverteufelungen, Hexenprozesse und Hexenverbrennungen durchgeführt hat. Kirchen oder ein Christentum können keine Prozesse führen und erst recht keine Folterungen vornehmen. Das machen Menschen, und es waren, – und das muß leider mit tiefem Bedauern gesagt werden – deutsche Menschen, unsere Vorfahren, die aus altem Aberglauben oder aus Furcht, aus religiösem Fanatismus oder auch nur aus Neid und Gier, wie noch um Siebzehnhundert der Bürgermeister von Lemgo in Lippe, der sich mit der Verteufelung der reichen Witwen deren Vermögen aneignete, andere verfolgten, Menschen, die ihre Opfer durch Folter zum Bekennen zwangen und schließlich ungerührt dem Feuertode preisgaben.

Priester und Inquisitoren übernahmen die Anklage und überwiesen die so verfemten Menschen dem öffentlichen Gericht. Die Fürsten schalteten sich nicht ein und die Richter hatten ebenfalls für ihr Leben zu fürchten, wenn sie sich anders, als allgemein gewünscht, verhalten hätten. Es waren allesamt Deutsche und die Neigung, Andersdenkende oder sich anders Verhaltende anzuprangern und zu verteufeln ist uns bis heute – geblieben.

Die Prozesse nach Paragraph 130 sehen diesen alten Hexenprozessen sehr ähnlich, was auch bei Gericht bereits mehrfach dargestellt worden ist.

Zu den Hexenprozessen ist noch anzumerken, daß nicht ein Heide, sondern ein Jesuit, der Pater Friederich von Spee, damals diesem Wahn ein Ende bereitete mit seiner Schrift „cautio criminalis“.

Wer wird wann den modernen „Hexenwahn“ zu Fall bringen.

Ursula Haverbeck

(Veröffentlicht in Stimme des Reiches Nr. 3 / 2011)

Bildquelle: Karsten Bittner  / pixelio.de